Floating

„Panta rhei“ lautet einer der bedeutendsten Grundsätze der heraklitischen Philosophie – „alles fließt“. Doch keineswegs in eine bestimmte Richtung, einem Ziel entgegen, einer Bestimmung zu. Vielmehr bringt der Satz die Existenz einer fundamentalen Bewegtheit des Lebendigen zum Ausdruck. Nichts entsteht, nichts ist ohne Bewegung, ohne Impuls und Wirkung, ohne Takt und Gefühl, ohne Ausdehnung und Reibung. Dem Lebendigen ist ein grundlegender Fluss inhärent, sei es als natürliche Fluidität, die unseren Planeten von der Dunkelheit der Tiefsee über wandernde Wolken und ewig tänzelnde Tropfsteine bis hin zu unseren Venen und Adern durchzieht; sei es als elementare Emotionalität, die allen taktilen Lebewesen innewohnt; oder sei es als eine allumfassende Spannung zwischen Konnektivität und Kontextualität, ohne deren Zusammen- und Gegenspiel es jegliche Form von Leben nicht geben könnte.

In ihrer Serie „Floating“ gibt Christina Lag-Schröckenstein diesem Lebensprinzip eine Form, eine Art fotografischen Fluss. Ihre Motive entstehen aus der Vermischung von Wasser mit Farben, Ölen und Tinte und erzeugen eine Schwingung von betörender Universalität. Sie erzählen von der unvorstellbaren Wucht eines Hurricans, lassen an die zerstaubenden Sternennebel im All denken oder erinnern an die amorphe Ästhetik robotischer Zukunftsphantasien im japanischen Anime. Doch die Verbundenheit all dieser Gedanken und Gänge, die die Abstraktheit dieser Bilder hervorrufen, zeugen nicht nur vom Fluss des Lebendigen, sondern auch von der unerbittlichen Ambivalenz seiner Existenz. Denn alles fließt in Verbundenheit, sowohl im Guten als auch im Schlechten, sowohl in Schönheit als auch in Niedertracht. Wo die Farben im Wasser ein faszinierendes Formenspiel hervorbringen, verschmutzen sie es zugleich, machen es ungenießbar, entziehen es einem anderen Menschen als Nahrungsmittel – und gemahnen damit an den schändlichen Umgang der Menschen mit dem wichtigsten seiner Lebensrohstoffe.